Marginalie … am Rande bemerkt!

Glücklich in ein neues Jahr

Veröffentlicht in Marginalie von Peter Bergmeier am 4. Januar 2011

Glücksforscher in den USA fanden durch Umfragen heraus, dass das Realeinkommen und der Lebensstandard in den USA sich seit den 50er Jahren verdoppelt hat.

Der Anteil, der nach eigener Ansicht Glücklichen dagegen wuchs nicht mit, sondern blieb in den letzten fünfzig Jahren fast genau konstant.

Die detaillierte Berechnung einer anderen Studie kommt zu dem Schluss, dass von einem Pro- Kopf -Jahreseinkommen von etwa 20 000 Dollar an das Glück nicht mehr proportional zum Einkommen ansteigt.

Eine Erklärung für dieses mangelnde Glückswachstum ist, dass Erwerben zwar glücklich machen kann (meist aber nur kurzfristig), nicht aber Besitzen. Denn sind einmal bestimmte Ansprüche erfüllt, wachsen schnell neue Ansprüche nach, während man sich an das, was man hat, schnell als selbstverständlich gewöhnt.

Reichtum ist damit ein sehr relativer Begriff. Man ist immer so reich, wie man sich fühlt, und die Mitmenschen bieten hierfür in der Regel den Maßstab.

Ein Harz – IV – Empfänger in der BRD wird sich nicht reich fühlen, auch wenn er damit in einem  afrikanischem Ghetto ein Krösus wäre.

Das seltsame an diesen Befunden ist, dass sie kaum einen Einfluss auf unser Leben haben. Der Traum von der finanziellen Unabhängigkeit ist heute noch immer der am weitesten verbreitete Lebenstraum in den Industrieländern. Genau dafür rackern wir uns ab und investieren die größte Zeit unseres Lebens, obwohl die meisten von uns nie wirklich so weit kommen, tatsächlich frei zu sein. Geld und Prestige stehen auf der höchsten Stufe unseres persönlichen Wertesystems noch vor Familie und Freunden. Dies ist umso erstaunlicher,  als das die Werteskala der Glücksökonomen genau andersherum ausfällt. Danach gibt es nichts, was mehr Glück stiftet, als die Beziehungen zu anderen Menschen, ergo zur Familie, zum Partner, zu Kindern und Freunden.

An zweiter Stelle steht das Gefühl, etwas Nützliches zu tun und je nach Umständen Gesundheit und Freiheit.

Vertraut man dieser Skala, so leben die meisten Menschen im reichen Westen mit ihren Geldwerten falsch: Sie treffen systematisch Fehlentscheidungen. Sie streben nach einer Sicherheit, die sie wahrscheinlich nie wirklich erlangen. Sie opfern ihre Freiheit und ihre Selbstbestimmung für ein höheres Einkommen. Und sie kaufen Dinge, die sie nicht brauchen, um andere Menschen zu beeindrucken, die sie vielleicht nicht mal mögen, mit Geld, das sie nicht haben.

Schon in den 50er Jahren hat der Schriftsteller Heinrich Böll eine passende Anekdote zu diesem Thema geschrieben:

In einem Mittelmeerhafen liegt ein armer Fischer in der Mittagssonne auf der faulen Haut. Ein Tourist spricht ihn  an und versucht ihn davon zu überzeugen, lieber fischen zu gehen. “Warum?”, möchte der Fischer wissen. “Um mehr Geld zu verdienen”, entgegnet der Tourist. Eilig rechnet er vor, wie viele zusätzliche Fischzüge den Fischer zu einem wohlhabenden Mann mit vielen Angestellten machen könnten. “Wozu?”, möchte der Fischer erneut wissen. “Um so reich zu sein, dass man sich in Ruhe zurücklehnen und in die Sonne legen kann”, erklärt der Tourist. “Aber genau das kann ich doch auch jetzt”, sagt der Fischer und schläft weiter.

Für den britische Ökonom Richard Layard steht fest: Es gibt mehr im Leben, was glücklich macht, als immer nur alles haben zu wollen. Wer nach immer mehr Wohlstand und Status strebt, der zeigt Anzeichen eines echten Suchtverhaltens. Materielles Streben erzeugt einen dauerhaften Zustand der Unzufriedenheit, in dem kein nachhaltiges Glück entstehen kann. Vollbeschäftigung und sozialer Frieden sind wichtiger als die Steigerungsraten des Bruttosozialproduktes.

Glück für alle statt Wachstum für die Wirtschaft lautet seine Botschaft.

In diesem Sinne wünsche ich allen Menschen ein Glückliches neues Jahr.